Nicht wirklich


Angeblich soll es die New-Yorker Exil-Münsteranerin Ute Lemper gewesen sein, die dieses Unding in einer TV-Plaudersendung zuerst in den Mund nahm. Ich mag ihr zugestehen, daß es eine eine verunglückte Übersetzung von not really ist. Aber mittlerweile sagt fast jeder, der nein meint: "nicht wirklich".

Regnet es? - Nicht wirklich.
Hat es geklingelt? - Nicht wirklich.
Hast Du mich angerufen? - Nicht wirklich.
Die Tür ist nicht wirklich abgeschlossen.

Er wollte es nicht wirklich bezahlen.

Was um alles in der Welt, soll das heißen? Wenn man nein meint, warum sagt man nicht nein? Wenn man noch vor einem Jahr sagte "ich habe jetzt eigentlich keine Zeit", so war das "eigentlich" zwar schon völlig überflüssig und sorgte beim Gegenüber unter Umständen für Irritationen. Heute aber würden viele sagen "ich habe jetzt nicht wirklich Zeit". Unwirklich etwa?

Die Phrase "nicht wirklich" ist nicht nur absolut überflüssig, sie ist unsinnig und feige.

Es ist nur ein weiteres Beispiel einer unsinnigen Übernahme einer anglo-amerikanischen Floskel, die zu allem Überfluß dazu auch noch ins deutsche Übersetzt wurde. Wenigstens handelt es dabei um eine eigenständige Form. Daß es noch schlimmer geht, wird man immer dann gewahr, wenn man z.B. "Der frühe Vogel fängt den Wurm" zu hören bekommt. Sicher, "the early bird gets the worm", aber im Deutschen gibt es ein eigenes Sprichwort mit derselben Bedeutung: "Morgenstund´ hat Gold im Mund", aber diese Form scheint zunehmend in Vergessenheit zu geraten.